Kindheitssprache als Dichtungssprache.

  • Mundart als Medium lyrischer Erfahrung

    Ist Mundart als Dichtungssprache in der aktuellen Literaturlandschaft „trendig“ oder eher „exotisch“?

    Ich begreife die Kindheitssprache als Dichtungssprache. Da meine Kindheitssprache eine Mundart ist, wird sie mir zur Dichtungssprache. Der neu erwachte europäische Regionalismus bewirkt eine Besinnung auf die eigene kleinräumige Alltags-Kultur, eine Renaissance des Lokalen, eine Aufwertung des regional Gewachsenen als Reaktion auf eine möglicherweise bedrohlich empfundene nivellierende „Eurokultur“. Die Verwendung des Dialektes bei SMS-Botschaften in Südtirol und anderswo könnte man „trendig“ nennen. Gereimte Heimattümelei ist noch nicht Dialektdichtung. Man mag meine Versuche exotisch nennen; ich verstehe sie als autochthon. Ich schreibe meine Texte nicht von außen an die Menschen heran, sondern aus ihnen heraus. Der Dialekt, wie ich ihn verwende, ist zwar nur regional begrenzt verständlich, mein poetisches Experiment aber weist über diesen Rahmen hinaus.


    Spiegelt Mundart „ländliche Lebenserfahrung“ – oder überhaupt Lebenserfahrung – besser als Hochsprache?

    Mundart spiegelt die Lebenserfahrung derer, die in der Mundart aufgewachsen sind. Von der Qualität dieser Erfahrung hängt ab, wie sich dies sprachlich niederschlägt. Hochsprache leistet dies auch nicht besser. Erfahrung des Lebens zieht aber nicht notwendig Texte nach sich, wird nicht zwangsläufig verbalisiert. Sie bleibt zumeist stumm. Nur das, was unbedingt zur Sprache kommen muss, ist mein Material. Die Bausteine meines Mundartschreibens sind meist griffige Etiketten, situative Resumees, die zur Formel gerinnen und eine einzige exemplarische Redewendung übrig lassen. Je knapper desto besser, so kann das ungesagt Bleibende mitschwingen.


    Ist mundartliche Erfahrung an ein ländliches Erfahrungsfeld gebunden? Entsprechen die Sprachmuster den Erfahrungsmustern?

    Mundart und Lebenswelt sind idealerweise eins. Sprache und Lebenswelt bedingen einander. Die Frage ist nur, wie redlich der Produzent poetischer Texte verfährt. Erfahrungsmuster gerinnen zu Sprachmustern. Diese werden zu Emblemen gemeinsamer Lebenssituationen. Die Gleichförmigkeit, die stetige Wiederkehr, die Formelhaftigkeit alltäglicher Erlebnisse sind es, die eine Gemeinschaft konstituieren. Die daraus resultierenden Wörter und Sätze sind der Ausweis der Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft. Sie sind ein Produkt des Einverständnisses über einen gemeinsamen Wissensfundus. Solcherart wird eine Situation nicht extensiv beschrieben, sondern intensiv zitiert. Dabei wird emotional chiffrierte Befindlichkeit evoziert und dadurch wiederbelebt. Kernsätze dieser Art sind das Grundmaterial für meine Gedichte. Ich beschreibe nicht, ich tippe nur an; die Inhalte liegen bereits da, brauchen also nur aktualisiert zu werden. Der Effekt der Wiedererkennung ist immediat. Alle Sätze in meinen Gedichten haben schon längst existiert; ich habe sie nicht erfunden, sondern vorgefunden. Ich wähle aus einer Anzahl möglicher Sätze den gemeinsamen Nenner, den Oberbegriff aus. Ihn halte ich hoch als Kennmarke, auf welche der Leser auf Grund einer stillschweigenden Verabredung reagiert.


    Kitsch

    Wie vermeidet man im Mundartgedicht Kitsch? Kitsch im Sinne unrealistischer Wirklichkeitsschau, Postkartenmalerei, Heimattümelei?

    Indem man vorgefundene Realität nicht beschönigt, verziert, verfälscht. Kitsch ist ein Phänomen der Ungleichzeitigkeit, ist Inkompatibilität von Gegenstand und den Mitteln seiner sprachlichen Fassung. Kitsch ist auch der Rekurs auf Wunschwelten oder auf eine glorifizierte Vergangenheit, Kitsch ist Sentimentalität statt Sentiment. Kitsch ist eine Heugabel an der Wand einer Disco, ein Butterkübel als Schirmständer, welche atmosphärische Authentizität suggerieren sollen. In Wahrheit sind diese Geräte nur Versatzstücke aus einer bäuerlichen Welt, die aufgehört hat zu sein; ein frivoles, beinah obszönes Relikt einer untergegangenen sozialen Realität. Gedichte, welche eine bessere, durch Nostalgie verschleierte, vergangene Welt als Gegenentwurf zur scheinbar platten, grausamen aktuellen Realität heraufbeschwören, ohne deren soziale Widersprüche wahrzunehmen – etwa eine vom Tourismus zerstörte Landschaft –, sind per se kitschig. Man kann Kitsch aber auch als Stilmittel zur Schärfung und Verdeutlichung einer Aussage verwenden, als eingezogenen doppelten Boden. Ein solcher fehlt konventionellen mundartlichen Elaboraten in fast allen Fällen.


    Sprachtechnik

    Zur „Sprachtechnik“: Entsteht die Mundartlyrik als Übertragung aus der Hochsprache oder geht sie vom Dialekt aus?

    Mundartlyrik, wie ich sie verstehe, geht von der Lebenswelt der Mundart aus. Sie wird in ihr geboren und wächst in ihr auf. Mundarten sind nicht die armen Vettern der reichen Hochsprache, sondern trotz ihrer geringen Reichweite vollgültige Sprachsysteme. Diese gehen von sich selbst aus, sie bedürfen keiner Vermittlung durch die Hochsprache. Aus vermeintlich überlegener Position der Hochsprache in die Mundart „übersetzte“, also „heruntergeschraubte“, Texte sind ein Unding, das leider immer wieder Anhänger findet. Hier setzt der Ausverkauf der echten Volkskultur ein. Mit meinen mundartlichen Nachdichtungen, Anverwandlungen, Imiationen hochsprachlicher Lyrik hingegen will ich zeigen, dass der Dialekt der Hochsprache an Ausdruckskraft und Bildmächtigkeit durchaus das Wasser reichen kann. Ich denke nicht in Begriffen wie „hoch“ und „niedrig“.  An Texten interessiert mich nur ihre Wahrheit.


    Wie finden Sie die Schriftform für Dialektlaute, die ja oft nicht eindeutig den uns geläufigen Konsonanten- oder Vokalzeichen entsprechen?

    Ich habe es mir und meinen Lesern nicht leicht gemacht. Ich wollte alle Anklänge an die hochsprachliche Verschriftungsform vermeiden. Ich habe weder diakritischen Zeichen noch Umlaute verwendet, da sie mir zu mundarttypisch erscheinen. Ich verwende keine Satzzeichen und keine Großschreibung. Meine Texte sind nicht für Stummleser, sondern für Lautleser gemacht.  Artmann hat sich in seinen Mundartgedichten für eine Mischung aus konventioneller Schreibung und Phonetisierung entschieden, wahrscheinlich aus Rücksicht auf den stummen Leser, der seine Information aus der Schrift bezieht. Ich arbeite mehr über das Ohr als über das Auge. Daher mussten meine Texte möglichst genau so geschrieben werden, wie man sie spricht. Das ist nicht durchwegs gelungen, weil die hochdeutschen Schriftzeichen oft mehrere Buchstaben erfordern, um einen einzelnen Laut zu bezeichnen (z.B. ch, sch, ie als langes i, usw.). Auch die Notation von offenen und geschlossenen Vokalen stellt ein Problem dar, das ich nicht zu lösen vermochte, da unsere Schriftzeichen zu ungenau sind. Gänzlich ausgeschlossen war auch jeder Versuch phonetischer Transskription. Volkskundliche oder dialektologische Akribie wäre fehl am Platz. Meine Texte sind Kunstprodukte, sie schaffen sich ihre eigene Realität. Man kann sie nur anhand des wirklichen Lebens auf Echtheit prüfen.


    Lautmalerei

    Mundart hat eine eigene onomatopoetische Qualität. Inspiriert das beim Schreiben? Wie wichtig ist diese Dimension?

    Lautmalerei ist universal. Sie findet sich in allen Sprachen und Dialekten der Welt. Sie ist nicht dialektspezifisch. Es hängt davon ab, wie man sie dichterisch einsetzt. Der Meisenruf klingt im Ohr des Oberpustertaler Vogelfängers wie „pfutschi-pfutschi-ggeingg-ggeingg-ggeingg“. Dies ist eine Übersetzung des tierischen Vogelrufs ins menschlich Hörbare und somit ins sprachlich Fassliche, verbal Imitierbare. Auch der Vogelruf unterliegt der Hör-Konvention. Deutsche Hunde sagen „wau-wau“, englische „wooff-wooff“, italienische „bau-bau“. Mein Text „do teite tuit di tout au“ verdankt seinen Reiz überwiegend der Lautlichkeit. Der Inhalt tritt zurück. Aber Laute schaffen es anscheinend, die Geschichte dieser verkorksten Ehe besser zu erzählen als Wörter. Die Wörterreihe „teite-toute-tout-toat“ reicht aus. Die Story wird phonetisch erzählt, besser: konterkariert; daraus resultiert Komik, die ja stets auf Kontrastwirkung beruht (siehe Bergson, Das Lachen).

    Sie verwenden in ihren Gedichten sprachliche Versatzstücke des Dialekts. Inwiefern geben diese eine „gültige“ Wirklichkeitsbeschreibung?

    Es gibt keine „gültige“ oder gar letztgültige Wirklichkeitsbeschreibung. Man (be)schreibt allenfalls und bestenfalls seine eigene Wirklichkeit. Andere erkennen sich in dieser. Die von Ihnen erwähnten Beispiele sind Verschleifungen von Wortgruppen, saloppe Wendungen des Alltagsgebrauchs, Ausdrücke, mit welchen man auf bekannte Situationen anspielt; der Ausdruck maliewo bedeutet mehr als die Verbindung der beiden Wörter „mein Lieber“. Indem ich sie zu einem Wort verschmelze, vermeide ich Eindeutigkeit; dadurch ist der Ausdruck vielfältig verwendbar: scherzend, drohend, bewundernd.


    H. C. Artmann

    Wie beschreiben Sie die Zusammenarbeit mit H. C. Artmann? Wie würden Sie seinen Einfluss auf Ihre Arbeit bezeichnen?

    Artmann war mir Freund, Bruder, Mentor, Lehrmeister, Animator, Spielgefährte, Kumpel. Der Altersunterschied war unbedeutend. Wir mochten einander gut leiden. Ich war nie sein Fan, er nicht meiner. Wir hatten einander lieb und respektierten uns auf gleicher Ebene. Ich war kein Dichteraspirant. Wir waren einander ideale Gesprächspartner, interessierten wir uns doch beide für alles Sprachliche, Randsprachliche, Kleinsprachliche, Sondersprachliche, Unsprachliche. Wir kannten unsere jeweiligen Bibliotheken; er las meine, ich seine. Sie bestehen aus Grammatiken exotischer Sprachen, aus Lexika, Wörterbüchern, Sprachführern, Fundstücken und Kuriosa aller Art. Wir lasen einander vor. Spielten Texte und Gedichte. Kam er mir auf Gälisch, zahlte ich es ihm auf Zimbrisch heim, machte er einen Wiener Vorstadtfrisör nach, half ich mit einem Tiroler Schilehrer aus. Wir blödelten wie die Kinder. Soffen miteinander. Vögelten parallel. Wir flanierten, fachsimpelten und verstummten vor der Natur, die wir liebten, der wir erlagen. Wir verabredeten ein Treffen in Port Moresby auf Neuguina, um dort gemeinsam mit Father Mihalic die “Waldmohren” aufzusuchen, um mit denselben in gepflegtem Tok Pisin zu parlieren; im Geist, versteht sich. Aber da waren auch noch Eliot, Poe, Lovecraft, Keller, Schmidt, Lavant, Hebel und viele viele andere. Ich verdanke ihm viel, wenn nicht alles. Es war seine Idee, dass ich seine Mundartgedichte in mein „vernaculares pustatalisch“ übertrage. Er hat lang vor mir gewusst, dass ich es kann. Seine Gedichte spielen in der Wiener Vorstadt, meine im Toblacher Dorf. Dorfwelt und Vorstadtwelt sind eine Münze mit zwei Seiten. Ich habe meine Seite geprägt. Meine Gedichte sind zugleich mein Tribut an ihn sowie sein Geschenk an mich. Er fehlt mir wie ein Stück Brot, wie man in Wien sagt.

    ____________________________

    In: Kulturelemente. Zeitschrift für Kultur und aktuelle Fragen. Nr. 46, April 2004.
    Die Fragen stellte Bernhard Nußbaumer, Koordinator der „Kulturelemente“.

    Leave a comment

    Required fields are marked *