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Erotische Gedichte in Mundart

Der Goiapui und seine loffschtorris

Gonz schian fokkisch: Wolfgang Sebastian Baur legt ein neues Buch in Puschterer Mundart vor.

Von Heinrich Schwazer, Neue Südtiroler Tageszeitung, Mittwoch, 2. Dezember 2009, Nr.235


Beinahe läuft man im Lauschen auf den Klang der Wörter Gefahr zu überhören, was er eigentlich sagt. Er macht Pausen, lässt die Stille vibrieren, stellt einzelne Wörter in den Raum, als wolle er hören, ob sie klingen – Ein Dichter im Vertrauen darauf, dass allein der Sound ihn tragen möge. Dass Dialekt ein Land ist, das poetisch erschlossen sein will, hat Wolfgang Sebastian Baur bereits mit seinem ersten Buch gezeigt. Sein 2003 im Folio Verlag erschienener Gedichtband „Puschtra Mund Art. Gedichte und Nachdichtungen in Pustertaler Mundart“ avancierte zum Kultbuch.

Nun legt der Vielfachbegabte aus Toblach – er war Schauspieler in den besten deutschsprachigen Häusern, spielte in zahlreichen TV-Serien mit, er übersetzt aus dem Italienischen, Französischen, Englischen und Jiddischen – ein neues Buch in Puschterer Mundart vor: „in olla forrbm liewe. in allen farben liebe. liebesgedichte, erotische texte und lieder.“ Um seine neuen Gedichte zu publizieren, hat er sogar einen eigenen Verlag gegründet, die Edition Goiapui. Der Goiapui das ist, nach dem guten alten Brauch, die Kinder mit ihrem Hofnamen anzureden, niemand anderer als er selbst. Man muss die Gedichte hören, um ihre Sprachbilder, ihre Satzbilder, Stilbrüche, ihre Direktheit, Geschmeidigkeit und ihre Nahaufnahmen menschlichen Daseins zu erkennen. Am besten, von ihm selbst vorgetragen, denn ohne Übersetzung sind sie für Nicht-Pusterer kaum zu verstehen. Diese natürliche Begrenzung des Dialektes, dass sie letztlich nur zu dem spricht, der diese Sprache in gleichem Maße sprechen könne, ist dem Autor sehr bewusst, weshalb er eine Audio-CD beigelegt hat, und eine Übersetzung ins Hochdeutsche ist auch gleich mitgeliefert. Baurs lyrische Erkundungen der Liebe in all ihren Farben haben Herzkammern für alle Gefühlsregungen: von zart bis derb, von erotisch bis drastisch, von leidend bis aufschneiderisch. Immer ist es eine Sprache, die ganz und gar im Konkreten wurzelt und nichts von der weinerlichen Nabelschau gegenwärtiger Dichtung hat: Lodd mi dai riffl sain / klaare / unt pa dier in di peere gien / noa klauw e di eapa / fa dain munt / noa koscht e di himpa / af daindo pruscht / noa lutsch e di muirn / aus dain nouwl / unt fa olla daina / siesn peere klaare / rier e / in dain teggile / a fopoutna / marmilaare. Gegen pathetische Gefühlsüberschwappungen scheint der Puschtra Dialekt von vorneherein geimpft zu sein, selbst oder gerade wenn er die schönsten „loffschtorris“ erzählt: „ … afaamo ligg mo /af an pette / fa plissn / du osch mo hollwis / di lippn dopissn / unt ii on do fellich / in kiitl dorissn / … “ das ist natürlich das Gegenteil von Gemütlichkeit. Baur schafft es, mit wenigen Strichen Puschterer Liebesbefindlichkeiten herbeizuzaubern und mit Beiläufigkeiten einen Echoraum ins Größere zu öffnen. Selbst für Dichter hat er eine „Giprauchsanweisung“ beigelegt:  „Wenn a dichta sexx ott / zin fokknfietorn / schraip a kan aanzigis sexxgidicht / … “