WP-goiapui_cover pmaPuschtra Mund Art 

Gedichte und Nachdichtungen in Pustertaler Mundart 

mit hochdeutscher Interlinearversion oder Originaltext und einer Audio-CD.

Im Zeitalter der Regionalisierung Europas erlebt der Dialekt eine Renaissance als Sprache der Selbstfindung, der Selbstbewahrung, aber auch der territorialen Abgrenzung. Der Autor führt vor, dass die der Mundart innewohnende poetische Kraft zeitliche und räumliche Grenzen aufhebt und den interkulturellen Transfer großer Dichtung ermöglicht. Unter der programmatischen Sigle „Puschtra Mund Art“ stellt er Texte in seiner heimatlichen Pustertaler Mundart vor: eigene Texte, von H. C. Artmann angeregte Nachdichtungen von dessen Wiener Mundartgedichten aus „med ana schwoazzn dintn“ sowie experimentelle Nachempfindungen von Beispielen internationaler Lyrik – von Walther von der Vogelweide, Angiolieri, Villon, Hölderlin über Pasolini, Plath, Poe, Baudelaire bis zu jiddisch schreibenden Autoren wie Lejb, Korn und Manger.

EDITION GOIAPUI 20014 (2. Auflage) Hardcover + CD, 128 S., 13,5 x 21 cm, mit einigen Abb.
ISBN-10: 3981575806 (1. Auflage bei Folio Verlag Wien- Bozen);
ISBN-13: 978-3981575804 (ab der 2. Auflage bei Edition Goiapui mit neuer ISBN-Nummer)
Euro 19,90

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Vorwort zur 2. Auflage 2004

Seit dem Erscheinen von Puschtra Mund Art im Herbst 2003 sage, singe und spiele ich meine poetischen Texte in Theatern, Literaturhäusern, Bibliotheken, Wirtshausstuben und anderen Ereignisräumen einem breit gefächerten Publikum vor. Meine Empfindungen dabei gleichen jenen, die ich beim Erfinden der Texte hatte. Zum niedergeschriebenen Text aber verhält sich der gesprochene wie die welke Pressblume zur Rose von Jericho, die immer wieder ergrünt, sobald sie begossen wird. Und beim lauten Lesen werden die zur Schrift erstarrten Erlebnisse hörbar wie Münchhausens Jagdhorn, wenn dessen eingefrorener Klang am Ofen wieder auftaut.

Gedichte sind Tonspuren im Gedächtnis. Lauten und Erinnern sind eins. Die Stimme nimmt die Fährte zum entlegenen Erlebnis auf und holt es die Gegenwart zurück. Dies rare Vergnügen teile ich mit meinem Publikum.

Die Resonanz meines poetischen Versuchs im heimatlichen Raum und nunmehr auch im deutschsprachigen Ausland hat mich freudig überrascht, und ich bin beglückt, dass das so bald nach seinem Erscheinen vergriffene Buch nun in der zweiten Auflage vorliegt.

 

Vorwort zur 1. Auflage 2003

Puschtra Mund Art ist der poetische Versuch, die verschollene Sprache meiner Kindheit als Dichtungssprache urbar zu machen. Unter dem Titel „tobbla.gidichto“ sind eigene poetische Texte aus sieben Jahren versammelt. Sie verstehen sie sich nicht als Mundartgedichte konventioneller Machart; wollen sich nicht anbiedern mit drastischer indigener Idiomatik, wie sie zuweilen den Städter erfreut, wenn er mit anthropologischem Interesse auf die kuriose Spezies des Landbewohners herabblickt; vielmehr verarbeiten sie unscheinbares, alltäglich anfallendes, der Grundverfassung dörflichen Daseins entspringendes Sprachmaterial. Zu Kernsätzen verdichtet offenbart es die verborgene, doch gefühlstiefe Lebenswelt ihrer vermeintlich „einfachen“ Sprecher, lässt hie und da die verzweifelte Komik ihrer Lebensbewältigungsversuche aufblitzen. Es sind Texte über Liebe, Erotik, Tod, Heimat, Natur, zusammengehalten durch die programmatische Klammer des Dorfs; Erinnerungen an Orte und Menschen, die nicht mehr sind. Ich bewohne meine Texte wie einst das Dorf meiner Kindheit.

H. C Artmann, dem ich seit Anfang der siebziger Jahre bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden war, hat poetische Forderungen wie etwa die eines Wörterbuchs aus dem Yukatekischen ins Transsylvanische erhoben. In ähnlichem Geist ergeht seine Aufforderung an mich, seine Wiener Mundartgedichte in mein „vernaculares pustatalisch“ zu übertragen. Die Aufgabe bestand wesentlich darin, solche Texte auszuwählen, die sich aus der Welt der Wiener Vorstadt stimmig in die des Dorfes überführen lassen. Hiefür habe ich sie topografischen, botanischen, ornithologischen und anderen Gegebenheiten meiner heimatlichen Landschaft angepasst. Artmanns Gedichte weiten den poetischen Raum der Wiener Vorstadt auf die Welt schlechthin aus; in dieser Tradition versteht sich auch die vorliegende Arbeit. Sie ist eine dankbare Reverenz vor dem unvergesslichen Freund und Lehrmeister.

H.C. Artmann war es auch, der mich mit den poetischen Texten der jiddischen Dichterin Rochl Korn und anderer jiddischer Dichter bekannt gemacht hat. Die von ihm angeregte gemeinsame Übertragung von Korns Gedichtband „Dorf“ (1928) konnten wir kurz vor seinem Tod vollenden. Ein Seitentrieb dieses Unternehmens sind meine pustertalischen Versionen ihrer Gedichte, die zusammen mit meinen eigenen die Seitenflügel eines Triptychons bilden, als deren Mittler Artmanns Mundarttexte in meiner pustertalischen Version dastehen.

Als vierte Instanz schließlich spielen meine pustertalischen Nachempfindungen, Anverwandlungen, Imitationen hochsprachlicher Lyrik in dieses Triangel herein, als dessen „Quadratur“ sie füglich betrachtet werden können. Es ist der Versuch, lyrische Texte aus diversen Sprachen und Epochen unter Beibehaltung von Form, Metrum und Gefühlslage in die Mundart einzugemeinden. Hierbei bin ich an die Grenzen meiner Mundart gegangen.

Mundarten sind ihrer Lebenswelt angemessene sprachliche Systeme, deren räumliche Reichweite begrenzt ist. Just in dieser Begrenzung aber, im knappen Vorrat ihrer Sätze und Ausdrücke, liegen ihre Weite und ihr poetischer Reiz.

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